BMEL-Ernährungsreport 2020 – ein Kommentar aus pflanzlicher Perspektive

Autor: Dennis

Wer am Freitag, 29. Mai 2020, die Nachrichten diverser Seiten geprüft hat, kam wohl nicht drum herum, die Veröffentlichung des Ernährungsreports 2020 zu bemerken: „Die Deutschen essen weniger Fleisch“, titelte der Spiegel in der Rubrik Wirtschaft anlässlich der Veröffentlichung und „Appetit auf Fleisch lässt offenbar nach“, so die Aufmachung des Online-Auftritts der Tagesschau. Doch was sagt der Ernährungsreport 2020 wirklich aus, sind es zu begrüßende Entwicklungen oder doch eher marginale Tendenzen? Was sagt der Report über unser Konsumverhalten bezüglich Lebensmitteln aus? Diesen Fragen wollen wir im Folgenden etwas genauer auf den Zahn fühlen.

Zunächst zur Kritik des Äußeren. Der „BMEL-Ernährungsreport 2020“ ist ein, vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft herausgegebenes Dokument. In diesem Dokument werden die Essgewohnheiten der Bundesbürger*innen übersichtlich zusammengetragen. Die Datengrundlage bildet hierbei eine vom Meinungsforschungsinstitut forsa durchgeführte, repräsentative, telefonische Befragung. Die Befragung von Personen ab 14 Jahren geschah im Zeitraum Dezember 2019 bis Januar 2020. Da diese Befragung bereits zum fünften Mal mit ähnlichen Fragen stattfand, lassen sich Rückschlüsse auf die Entwicklung der Essgewohnheiten ziehen (vgl. BMEL 2020, S.30).
So viel zur gewöhnlichen Entwicklung. Nun nehmen in der aktuellen Zeit ja recht wenige Dinge ihren gewohnten Gang. So hat sich das Coronavirus auch auf die Erstellung des Ernährungsreports 2020 ausgewirkt. Es fand eine erneute Umfragerunde im April 2020 statt, in der „zusätzlich rund 1.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger […] [befragt wurden], welchen Einfluss die Corona-Krise auf ihr Einkaufs-, Koch- und Essverhalten hat.“ (BMEL 2020, S.30).
Insgesamt entstanden so 32 buntbebilderte Seiten, die einen Eindruck davon geben sollen, was auf den Tellern landet.

(c) BMEL

Was steht denn nun drin?


Das elegante Vorwort der zuständigen Ministerin Julia Klöckner lässt die Erwartungshaltung steigen. Völlig zu Recht spricht sie die Versorgungsstabilität der Bundesrepublik während der (vorerst ersten) Peak-Phase des Virus an. Einigen ungewohnten Erscheinungen zum Trotz müssen wir doch feststellen, dass die Lebensmittelversorgung als stabil zu bewerten ist und die Hamsterkäufe nicht zu massenhaften Hungersnöten führten. Frau Klöckner deutet an, dass dies die Basis für eine „neue Wertschätzung für unsere Lebensmittel“ (BMEL 2020, S.3) sei und dass sich diese vor allem in den Ansichten der Verbraucher*innen zum Thema Lebensmittelkonsum niederschlagen würde. Ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft also für all diejenigen, denen das Wohlergehen der Tiere am Herzen liegt. Die Frage bleibt jedoch offen, wann und wo sich diese Zukunftserwartungen in der aktuellen Politik der Ministerin für Landwirtschaft äußert; doch hierauf will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.


Der Aufbau des Reports hangelt sich an den abgefragten Kategorien entlang. So wird zunächst versucht, ein allgemeines Bild zu erzeugen, wie das Ernährungsverhalten der Deutschen aussieht. Im Anschluss daran werden eher strukturelle Versorgungsaspekte und die damit einhergehenden Probleme thematisiert. Im Folgenden möchte ich nun zunächst Kritik am Inhalt des Reports äußern, dann die zu erkennenden positiven Tendenzen aufzeigen, um abschließend zusammenzufassen, was der Report hergibt.

Kritik

Kritisch anzumerken am Report ist eine durchgehende Aufteilung der erhobenen Daten nach Geschlechtern (vgl. BMEL 2020, S.4, S.5, S.6, S.8, S.10, usw.). Zum einen bildet das dichotome Geschlechterverständnis unser heutiges pluralistisches und individualisiertes Gesellschaftsgefüge nicht mehr ab. Zum anderen wird hieraus auf der nachfragenden Seite kein Mehrwert geschaffen. Die Aufteilung spielt somit lediglich der anbietenden Seite in die Karten, die die Spaltung nur weiter zementiert und durch ihre Bewerbung in Stein meißelt: flapsige Aussagen wie „TOFUWÜRSTCHEN UND HAFERDRINK – NICHTS FÜR MÄNNER!“ (BMEL 2020, S.5) sind gefährliche Gassenhauer, die ein normativ aufgeladenes Männlichkeitsverständnis nur weiter festigen. Darüber hinaus gilt es – wie eigentlich bei allem – die Daten mit einer gesunden Portion Skepsis zu genießen. Zwar wird die Repräsentativität des Reports und der Umfrage durch forsa betont, allerdings unterscheiden sich die Zahlen z.B. hinsichtlich des Anteils sich vegetarisch oder vegan ernährender Menschen doch deutlich von anderen Erhebungen. Der Ernährungsreport gibt an, dass sich in Deutschland 5% der Befragten vegetarisch und 1% der Befragten vegan ernähren. Außerdem wird die Aussage getroffen, dass diese Anteile „unverändert“ (BMEL 2020, S.12) blieben. Andere Quellen wie etwas Statista.com gehen diesbezüglich von ca. 7% sich vegetarisch ernährendes Menschen aus. Die Seite alternativ-gesund-leben.de geht von rund 10% und einem stetig wachsenden Anteil aus, wobei sie sich auf Zahlen des ehemaligen Vegetarierbundes bezieht. Die ebenfalls angesprochene Stagnation der Werte wird nicht weiter präzisiert. Sind die Werte nun gegenüber dem Vorjahr oder gegenüber der ersten Erhebung 2015 unverändert geblieben? Der Report bleibt eine Antwort schuldig.

Ein Lichtblick

(c) BMEL

Nun genug der kritischen Worte. In dem Report lassen sich nämlich einige erfreuliche Tendenzen erkennen. So wird beispielsweise auf Seite zehn die generelle Aussage getroffen, dass der Fleischkonsum weiter „leicht“ abnehme; im Vergleich zu 2015 ist der Anteil der täglich fleischessenden Personen immerhin um 8% gesunken. Ebenfalls erfreulich sind die Aufmerksamkeit gegenüber und die Nachfrage nach pflanzlichen Alternativen bei rund der Hälfte der Befragten (vgl. BMEL 2020, S.12). An dieser Stelle ist auch die Zusammenstellung der Gründe, warum zu pflanzlichen Alternativen gegriffen wird, zu betonen: über ein Drittel der Befragten gibt den Aspekt der Gesundheit an, über 40% sehen den Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Klimaeffekten und fast der Hälfte liegt das Wohl der Tiere am Herzen (vgl. BMEL 2020, S.13).Aus meiner Perspektive ist es besonders schön (an dieser Stelle lese ich stark zwischen den Zeilen und versuche, den Gesamteindruck des Reports zu erfassen), dass die vielen kritischen Aspekte der Fleischwirtschaft zwar nicht zur Abwendung vom Fleischkonsum, jedoch zu einer deutlichen Bewusstseinssteigerung in Deutschland geführt haben. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf das Bewusstsein für die gravierende Lebensmittelverschwendung – rund 12 Millionen Tonnen/Jahr landen im Müll (vgl. BMEL 2020, S.22) – und auf den Zusammenhang zwischen wachsender Weltbevölkerung und Versorgungengpässen hinzuweisen. So geben 79% der Befragten an, dass die globale Versorgung auch durch eine Reduktion der Fleischproduktion zu bewältigen sei (vgl. BMEL 2020, S.26).

Fazit

Lässt man die kleinen Mängel, die eine solche Erhebung quasi zwangsläufig mit sich bringt, außer Acht, ergibt sich doch ein Gesamteindruck, der uns freudig in die Zukunft blicken lässt. Der Ernährungsreport 2020 macht deutlich, dass die gesamtdeutsche Gesellschaft im Wandel begriffen und sich dieses Wandels durchaus bewusst ist. Es sind wohl langsame, dafür jedoch tiefgreifende Schritte, die unsere Gesellschaft voranbringen. Ob nun die Corona-Pandemie der eigentliche Initiator dieser Veränderung ist, wage ich zu bezweifeln, obwohl die Ministerin hierin einen starken Treiber sieht und auch die Zahlen dies andeuten (vgl. BMEL 2020, S.3 und S.18). Vielmehr ist hierbei die Unterscheidung zwischen Anlass und Ursache zu treffen. Ich bin optimistisch, dass durch die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen globaler Krisen und der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln eine Dynamik eingesetzt hat, die die Fleischproduktion langfristig reduziert, Tierleid entsprechend abmindert und so gleichsam positive Synergieeffekte auf das Klima und die Gesundheit der Menschen haben wird. Die Gesellschaft ist zu dieser Erkenntnis gelangt, nun obliegt es der Politik und allen involvierten Gruppen und Individuen, den fruchtbaren Boden zu nutzen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Quellen:

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2020): „Deutschland, wie es isst. Der BMEL-Ernährungsreport 2020.“. Ostbevern: MKL Druck.

https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/ernaehrungsreport-ueberblick.html [30.05.2020, 11h]

https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/ernaehrungsreport2020.html [30.05.2020, 11h]

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